Die Konsumentenblase

Die Konsumentenblase

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Es ist halb zwei nachts. Ich habe vor fünf Stunden spontan angefangen mal wieder ältere Dokus wie „The true Cost“, „Minimalism“ und „A Plastic Ocean“ zu schauen. Ich merke wie mich das Thema Fast Fashion immer und immer wieder so hart trifft und mir immer und immer wieder aufzeigt, dass ich nicht mehr damit leben kann. Ich fühle mich instant schuldig und erwische mich dabei wie ich an mir herunterschaue. Pullover organic. Leggins organic. Strümpfe selbstgestrickt, ein Geschenk meiner Großtante. Ich seufze. „Okay“, denke ich. „Alles okay, Kim. Du hast bereits angefangen. Du bist auf dem richtigen Weg. Du tust das Richtige. Geh einfach weiter.“

Ich schreibe meinem türkischen Produzenten eine Whatsapp wie gern ich ihn habe und setze mich an eine lange Mail mit Terminvorschlägen für einen Besuch in seinen Nähereien, auf den Plantagen und sonstigen Produktionsstätten. Danach folgt eine Mail an die Dame, die mich mit Kamera dorthin begleiten wird. Ich hake „Mail Simone“ und „Mail Mehmet“ in meinem Task ab.

Ich halte kurz inne. Zwei Uhr morgens. Plötzlich muss ich an einen Kommentar im Livestream von letzter Woche denken. Wir haben darüber diskutiert, wo man ansetzt etwas zu ändern in der Modeindustrie. Irgendwie ist nämlich jedem klar, dass eine Hose für 25€ und das Shirt für 10€ kein gerechtfertigter Preis ist. Jeder weiß, dass diese Fast Fashion unter menschenunwürdigen Bedingungen, ohne Rücksicht auf Menschenverluste hergestellt wird. Und trotzdem hat jeder Kleidung von h&m, Zara und co. zu Hause. Warum? Wieso habe ich selbst so spät (mit 25 Jahren) angefangen umzudenken? (Und wieso zum F*ck fühle ich mich so schuldig). Dieses hochsensible Thema hatten wir auch im Stream letzte Woche wieder. Und es gibt immer sehr viele unter euch, die der Meinung sind, dass die Hersteller selbst daran etwas ändern müssen. „Was können wir denn schon machen. Die Industrie, die Wirtschaft, die Hersteller müssen etwas ändern.“  (Die Kommentare „Wir sind in Deutschland ja schon Vorreiter“ werde ich in einem anderen Beitrag thematisieren.)

Und manchmal weiß ich gar nicht wo ich ansetzen soll diese Naivität auszuprügeln. Darf ich meine angestauten Emotionen hier entladen? Darf ich alle Ansätze über bewusstes, gutes Zureden und keine Vorwürfe machen mal kurz über den Haufen werfen?

 

DU BIST VERANTWORTLICH!

DU UND NIEMAND ANDERES! 

 

Eingestürztes Fabrikgebäude Rana Plaza in Bangladesch bei dem mehr als 1000 Menschen sterben.

Eingestürztes Fabrikgebäude Rana Plaza in Bangladesch bei dem Unglück mehr als 1000 Menschen sterben.

Quelle: Tagesschau

 

Ich kann es nicht mehr lesen. DU UND ICH – WIR SIND VERANTWORTLICH. Wir sind verantwortlich dafür, dass Mütter ihre Kinder nicht mehr bei sich haben können. Dass Menschen ihr Leben lassen, da es keine Sicherheitsvorkehrungen, Notausgänge, Schutzmaßnahmen oder sonstiges in Nähereien gibt. Dass Menschen für uns wie als Sklaven arbeiten. Dass Menschen zu Tode geprügelt werden, weil sie für einen Mindestlohn (für den wir nicht mal unsrem Nachbarn in die Hand spucken würden) auf die Straße gehen. Dass Menschen verprügelt werden, wenn sie einer Gewerkschaft beitreten oder eine gründen. Dass Menschen bei der Herstellung unserer Kleidung mit Chemikalien verseucht werden. Dass Grundwasser aufgrund von Chemikalien auf Plantagen verseucht wird und zu Missbildungen und schwersten Behinderungen in umliegenden Dörfern führt. Dass Plantagebetreiber aufgrund von Kostendruck der Produzenten (der Marken, die wir kaufen) bis in den Selbstmord getrieben werden. Und vor allem müssen wir uns davor verantworten, dass wir bei all‘ dem wegschauen. Wegschauen, weil wir uns schuldig fühlen! Und trotzdem noch Ausreden finden wie „Die Hersteller müssen etwas ändern.“ Oder mit Greenwashing Aktionen, wie denen von h&m unser Gewissen beruhigen. Ich bin ab Februar Hersteller. Ich produziere anders. Aber ich bin ebenso Konsument und sitze am aller längsten Hebel, den man tätigen kann (Ja ich hab den traurigsten längsten Penis als Käufer).

 

ICH und DU. Wir bestimmen Nachfrage.

 

Und Nachfrage regelt den Markt. Unterschätze deine Kaufkraft nicht. Du bist ein Instrument und du kannst dieses gezielt einsetzen. Jeder Kauf ist ein Voting. DU entscheidest ob es für fair hergestellter Mode oder blutbefleckter Bangladesch/Kabodscha/…-Stoff sein soll.

Sei mal wieder etwas lauter. Und das gilt nicht nur für Fast Fashion. Das gilt für Tier-, Umwelt- und auch Klimaschutz. Diese Themen hängen alle in einem Netz. Fang einfach mal an! Ich hoffe du schaffst es dich weniger erschlagen zu fühlen als ich am Anfang.

 

Gute Nacht. Bis morgen im Stream.

Kim

Die Gründerin

„Hi! Ich bin Kim, 28:

Minimalistin, Streamerin auf Twitch.tv, Less Wastlerin seit drei Jahren, hoffnungslose Optimistin und immer auf der Suche nach den vielen kleinen Dingen.

Gründerin von FREIRAUMREH

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