Meine Bio-Baumwolle aus der Tuerkei​

Meine Bio-Baumwolle aus der Tuerkei

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Schon vor Verkaufsstart meiner Marke FREIRAUMREH habe ich viele Nachfragen zum Anbau und der Näherei in der Türkei bekommen. Da das Wort „Bio“ bei vielen Misstrauen und viel Halbwissen weckt, möchte ich im ersten Artikel der Reihe rund um die Herstellung meiner Kleidungsstücke als aller erstes auf den Anbau, also dem tatsächlichen Ursprung meiner Mode eingehen.

Mitte März 2019 hat mein Hersteller mich in die Türkei nach Izmir eingeladen. Schon zu Beginn unserer Freundschaft vor über einem Jahr war er komplett transparent und offen was seine Zertifikate, Herstellung und Arbeitsbedingungen betrifft. So folgten etliche Einladungen sich die Plantage und Näherei vor Ort unter realen Bedingungen anzuschauen. Und letzten Monat habe ich das endlich in Angriff genommen und direkt meine Kamerafrau Simone von Kukocontent mit eingepackt.

Heute möchte ich speziell auf den Anbau der Baumwolle eingehen, mit der die Kleidung von FREIRAUMREH genäht wird. Es handelt sich um zertifizierte Bio-Baumwolle. Doch was heißt das überhaupt genau?

Das Umweltministerium fasst das schön zusammen mit:

„[…] Im Gegensatz zu konventionellem Baumwollanbau ist der Einsatz von chemischen Pestiziden und Düngemittel verboten. Mit dem Kauf eines einzigen Baumwoll-T-Shirts aus biologischer Baumwolle bewahrt man rund sieben Quadratmeter Anbaufläche vor Pestiziden und Kunstdünge.“

Klingt erst mal recht einleuchtend. Wenn man Umit, den Besitzer unserer Plantagen reden hört und vor allem reden lässt, dann wird einem das Ausmaß jedoch erst bewusst.

Umit empfängt uns auf seinen Plantagen, 150 km nördlich von der Näherei in Izmir, mit offenen Armen. Man fühlt sich als Ehrengast und wir bekommen die volle Breite Baumwoll-Leidenschaft an einem Tag präsentiert. Fast 5 Stunden erklärt er uns den Anbau, Schwierigkeiten und Besonderheiten seiner Bio-Baumwolle.

Der Anbau von Bio-Baumwolle ist um einiges schwieriger als herkömmlicher Baumwolle, bei der Unmengen von Pestiziden und Chemikalien verwendet werden. Umit betont immer wie sehr sie die Plantagen ihres Familienunternehmens im Einklang der Natur führen, diese ehren und wertschätzen, da sie von optimalen Wetterverhältnissen abhängig sind, um hochwertige Baumwollerträge aufweisen zu können. Die Ägäis Region in der Türkei gilt als eine der besten Baumwollgebiete der Welt und konkurriert auf den ersten zwei Plätzen mit Ägypten. Voller Stolz erzählt uns Umit, dass seine Felder seit über 25 Jahren keine Chemikalien oder Pestiziden gesehen haben. Mit dem wechselnden Anbau von Pflanzenarten wird gewährleistet, dass die natürliche Bodenfruchtbarkeit erhalten bleibt. Dabei nimmt man in Kauf, dass die jeweiligen Flächen in dieser Saison keinerlei Ertrag erwirtschaften. (aha – Deswegen ist Bio Baumwolle also teurer) – Quasi eine Ruhezeit der geschätzten Agrarfläche.

Schon zwei Monate vor der normalen Saison wird alles Unkraut, das während der Ruhezeit im Winter gewachsen ist per Hand gejätet. Hier ist der zweite Aha-Effekt, wenn es um den Endpreis geht. Bei herkömmlichen Feldern werden innerhalb kürzester Zeit mittels Pestiziden ungewünschte Pflanzen weggeätzt. Während der Anbauzeit werden regelmäßig Proben von unabhängigen Kontrollstellen in den Niederlanden auf deren Qualität geprüft. Anhand dieser Bewertungen macht sich auch der Preis der Baumwolle in der jeweiligen Saison aus. Übrigens erfolgt auch die Ernte und Pflege per Hand und komplett pestizidfrei.

Glore.de, ein Onlinestore, der faire & bio-Mode vertreibt und an dieser Stelle wärmstens empfohlen sei, schreibt dazu:

„Zur Ernte der reifen Baumwollkapsel wird in der konventionellen Landwirtschaft zumeist eine weitere Chemikalie auf die Felder ausgebracht, um Zeit zu sparen: Hochgiftige Entlaubungsmittel werden auf die Pflanzen gesprüht, damit die maschinelle Ernte erleichtert werden kann. Dies birgt auch gesundheitliche Gefahren für die Baumwollbauern und Erntehelfer. Bio-Baumwolle hingegen wird zumeist per Hand gepflückt, wodurch eine Entlaubung entfällt, da die geübten Pflücker natürlich ohne weiteres reife von unreifen Kapseln bzw. Blätter von Kapseln unterscheiden können. Das dauert länger, ist aber schonender für Mensch und Umwelt.“

Die Bio-Baumwolle der Felder von Umit wird nach der Ernte verarbeitet und legt dabei eine Strecke von nur 150km zurück. Im nahen Izmir wird sie verarbeitet und es werden herrliche Stücke wie die von FREIRAUMREH daraus.

Dieser geringe CO2 Fußabdruck war mit ein Hauptgrund, warum ich mich in Sachen Herstellung für die Türkei entschieden habe und nicht z.B. aus Indien beziehe.

Aber bedeutet BIO auch gleich FAIR?

NEIN – Nur weil die Baumwolle aus biologisch kontrolliertem Anbau stammt, heißt das noch lange nicht, dass sie auch fair ist. Jedoch hat es große positive Effekte auf die Bauern, die sie per Hand pflücken. Anders als bei herkömmlicher Baumwolle kommen sie nicht mit giftigen Pestiziden in Kontakt. Nach wie vor gibt es weit verbreitete Krankheiten in Dörfern und bei Bauern direkt, die im Zusammenhang mit Pestizid verseuchten Boden und Pflanzen in Verbindung gebracht werden. Zudem bekommen die Bauern oftmals für Bio-Baumwolle höhere Preise, was sich oftmals (zum Glück!) in Löhnen widerspiegelt.

Bei FREIRAUMREH ist Bio Baumwolle zusätzlich durch das GOTS Siegel geschützt. Das heißt sie ist Fair und Bio. Das spiegelt sich in fairen Löhnen, geregelten Pausenzeiten und Firmenstrukturen wider. Zum Beispiel werden die Bauern auch in der Winterruhezeit fair entlohnt, wenn sie zur Hauptsaison zum Anbau und der Ernte eingeplant sind. So entstehen keine finanziellen Engpässe bei Mitarbeitern. Da die Plantage familiengeführt ist, hegt Umit aber ohnehin ein freundschaftliches Verhältnis zu seinen Mitarbeitern.

Und warum sollte man überhaupt zu BIO-Baumwolle greifen?

Herkömmliche Baumwolle stellt eine deutlich erhöhte Umweltbelastung dar. Wie schon angemerkt ist es ein deutliches gesundheitliches Risiko für Mitarbeiter auf den Plantagen und in der Verarbeitung. Aber auch bei uns im Alltag hat Bio-Baumwolle große positive Auswirkungen. Sie ist Mikroplastikfrei. Das heißt es werden keine Plastikfasern beim Waschgang in der Maschine gelöst, die in unsere Gewässer gespült werden. Zudem ist Bio-Baumwolle sehr viel langlebiger und strapazierfähiger als herkömmliche Baumwolle. Mit dieser hohen Qualität ist ein T-Shirt viele Jahre tragbar und hält wesentlich mehr Wäschen stand als ein T-Shirt aus herkömmlicher Produktion.

Ach übrigens. Ein privates Unternehmen der Region bei Izmir versorgt mit Windrädern die Ägäis mit Energie. Sie decken damit 40% des Energiebedarfs der Region.

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Umit und Bülent. Danke für die Zeit, Geduld und Offenheit!

Habt ihr Fragen? Wollt ihr mehr Details? Schreibt mir eine Mail oder stellt die Fragen live onstream auf Twitch!

Eure Kim

 

 

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ÜBRIGENS: Du bist ein junges Modelabel? Du fängst gerade erst an oder bist schon voll dabei? Du bist auf der Suche nach einem Hersteller für zertifizierte Bio & Fair Trade Textilien? Dann schreib mich an! Ich verrate Dir gerne meinen Hersteller. Slow Fashion heißt Kooperation statt Konkurrenz und gemeinsame Order verringern Kosten und den CO2 Fußabdruck.

„Viele kleine Leute in vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern.“

Kim

Die Gründerin

„Hi! Ich bin Kim:

Minimalistin, Streamerin auf Twitch.tv, Less Wastlerin seit drei Jahren, hoffnungslose Optimistin und immer auf der Suche nach den vielen kleinen Dingen.

Gründerin von FREIRAUMREH

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