Importwahn Teil 1 – Wir alle sitzen in einem Boot

Wir sitzen alle in einem Boot!

Lesezeit 6 Minuten

Kennt ihr diese Momente, in denen die Welt um euch herum auf einmal surreal und künstlich wirkt? Mich erwischen diese Matrix-Momente gerne in Hochzeiten des Konsums wie Weihnachten oder auch Ostern. Plötzlich sind die Regale gefüllt mit hunderten kleinen Weihnachtsmännern, blöd grinsenden Osterhasen und anderen Sachen, die wirklich kein Mensch braucht. Wo kommen sie nur alle her? Und wer hat sie gemacht?

Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir alle aus einem tiefen Schlaf aufwachen, uns umschauen und feststellen, dass vieles ganz arg schief läuft. So geht es mir, wenn ich einen vollgepackten Laden betrete, der für kleines Geld ziemlich viel verkauft. Denn irgendwo muss das alles herkommen – aber wo?

Die Frage lässt sich schnell mit einem Blick auf das Zettelchen am Produkt klären. Meistens – und das überrascht wirklich keinen- kommt es von sehr weit her. Dann erwischt mich so ein Matrix-Moment, ich fühle mich, als würde ich in einer Schein-Welt leben und das zweite Gesicht der Welt gleitet unbekannt an mir vorbei. Vermutlich wäre das gar nicht mal so schlimm, man muss sich einfach nur keine Verantwortung für die Arbeitsbedingungen auf der anderen Seite der Kugel geben. Oder für die Umweltauswirkungen. Oder den Werteverfall, der bei mir entsteht.

Was ist nun mein Anliegen mit diesem Artikel? Ich möchte etwas ausprobieren. Ich möchte mit meiner Familie (Zwei Erwachsene und zwei kleine Kinder) in den nächsten drei Monaten Import Produkte, die in unserem Alltag ganz selbstverständlich sind, aufstöbern und nach Möglichkeit umgehen. Darüber möchte ich hier schreiben – eine Reihe zu Import-Produkten im Alltag.

Warum möchte ich gerade Import-Produkte betrachten?

Ich glaube, dass wir nicht nur Müll-Blind geworden sind, sondern auch Import-Blind. Klar, ohne Import und Export geht es nicht. Und ja, ich weiß, dass der Apfel aus Neuseeland unter Umständen eine bessere Ökobilanz hat, als der Apfel aus Deutschland. Und nein, ich kann nicht vollkommen auf Import-Produkte verzichten. Was mich aber so schockiert, ist die schiere Masse, die über Schiffsfracht oder noch schlimmer, Luftfracht, zu uns ins Land kommt.

Derzeit sind 30 Millionen Container im Einsatz, 40.000 Handelsschiffe kreuzen die Ozeane und ein Drittel des internationalen Seehandels läuft Europa an. EIN Apfel mag eine bessere Ökobilanz haben, aber wir transportieren nicht nur Äpfel. Es kommen viele Produkte über das Meer, die genauso gut aus Europa kommen können, wenn nicht sogar regional. Es hat lediglich eine Gewöhnung stattgefunden: Es ist nicht weiter interessant, dass das Bastelset in China gefertigt wurde, der Honig aus Mexiko kommt und die Vase aus Indonesien. Meine Frage ist: Wie viel fällt uns nicht mehr auf? Was kaufen wir einfach ein, was von weit herkommt, mit ein bisschen Aufmerksamkeit aber auch regional erhältlich ist? Wie leicht lassen sich die unnötigen Import-Produkte ersetzen?

Bleiben wir doch kurz bei den Lebensmitteln.  „Obwohl nur 4 % aller Lebensmittel, die in Deutschland verbraucht werden, aus Übersee kommen, machen die Wegstrecken, im Vergleich zu allen Lebensmitteln, über zwei Drittel aus. Denn die Importware verbraucht 11-mal mehr Energie, stößt 11-mal mehr CO2 aus und verbraucht 28-mal so viel Schwefeldioxid wie einheimische Produkte. […] Würde man nur die Lebensmittel importieren, die aus klimatischen Bedingungen nicht bei uns wachsen (z.B. Bananen, Kaffee, Tee), könnte man dadurch über 22% der Emissionen einsparen.“  (https://reset.org/blog/infografik-zeigt-lebensmittel-aus-uebersee-sind-klimakiller-nr-1-09102014)

Gerade bei Lebensmitteln haben sich viele Gewohnheiten und Ansprüche eingeschlichen. Es ist mittlerweile selbstverständlich geworden, zu jeder Jahreszeit alles verfügbar zu haben. Natürlich gibt es viele Exoten nur als Import-Ware (Kaffee, Bananen etc), aber wie dringend brauchen wir sie wirklich? Ich habe zwei kleine Kinder, ein Leben ohne Bananen scheint mir fast nicht möglich zu sein. Oder vielleicht doch? Gut, bei Obst und Gemüse ist es noch offensichtlich. Aber müssen meine Brötchen erst die Reise von China antreten, um dann von mir im Laden gekauft zu werden?

Gerade bei Lebensmitteln lassen sich die Transportwege mit wenig Aufwand drastisch kürzen. Auf dem Land gibt es viele Hofverkäufe und in Städten Märkte und Regionalmärkte. Kauft man saisonal, sind die Preise gut bezahlbar.

Aber – Schiffe haben doch super Umweltbilanzen! Warum also nicht auf Import-Produkte zurückgreifen? Dazu muss man leider sagen, dass so eine Bilanz komplex ist und viele wichtige Faktoren nicht eingerechnet werden können, weil sie nicht messbar sind. So entsteht durch den Schiffverkehr Unterwasserlärm. Dieser stört viele Ökosysteme – mit brutalen Folgen für viele Tiere. Auch unter Öl-Unfällen, die immer mal wieder passieren, haben viele Tiere die Konsequenzen zu tragen. Daneben entsteht viel Müll, der aufgrund von schlechten oder teuren Müllentladesystemen an Häfen gerne einfach ins Meer geschüttet wird. Durch die Motoren entstehen natürlich Luftschadstoffe, aber auch das Ballastwasser ist ein großes Problem. In ihm werden fremde Tierarten transportiert, die die lokalen Ökosysteme zerstören können.

Ein weiteres großes Problem ist auch, dass zum Antrieb der Schiffe das möglichst günstigste Antriebsmittel verwendet wird – denn der Preis bestimmt knallhart das Überleben. Schweröl ist daher sehr beliebt. Laut dem NABU verbrennt die Weltflotte (90.000 Schiffe) 370 Millionen Tonnen Treibstoff pro Jahr, also 20 Millionen Tonnen Schwefeloxid. Klar, da sind auch Kreuzfahrtschiffe dabei. Also – vielleicht auch auf die nächste Kreuzfahrt verzichten. Bindende Abkommen zur Senkung der Emissionen gibt es nicht wirklich. Alle Vorgaben(https://www.umweltbundesamt.de/service/uba-fragen/gibt-es-rechtliche-vorgaben-zur-verbesserung-der), die von der IMO bislang verabschiedet wurden, sind als nicht effizient oder streng genug zu betrachten. Es wurden auch sogenannte Emissionskontrollgebiete für Luftschadstoffe (SECAs) eingeführt. Dort werden die Ausstöße von Schwefeln und Schwefeloxiden von Schiffen beschränkt. Wie viele Gebiete sind davon betroffen? Hawaii. Die Nordamerikanische Küste. Die Nord- und Ostsee. Der Ärmelkanal. That´s it.<aa

Die Schifffahrt ist mit vielen Problemen belastet, die sich in keiner ausreichenden Öko-Bilanz zusammenfassen lassen. Ein korrektes Urteil können wir somit noch gar nicht bilden – auch wenn die Zahlen für einzelne Produkte besser aussehen. Was wir aber sehen, sind zugemüllte Meere, verendende und gestrandete Wale, zerstörte Ökosysteme und krebskranke Hafenarbeiter.

Natürlich können wir nicht ohne die Schiffsfracht handeln. Aber wir können als Konsumenten das Maß bestimmen, in dem der Handel sinnvoll ist. Kompletter Verzicht könnte schlicht zu wirtschaftlichen Problemen führen. Das Stärken vom Kurz-Strecken Handel und ein Erhöhen der Preise für Import-Produkte fände ich sinnvoller.

Ich bin gespannt auf die kommenden drei Monate und hoffe, dass ich vielleicht in kleines bisschen Inspiration sein kann!

Eure Hannah

 

PS: Hier noch ein paar interessante Links zum Nachlesen!

  • https://www.oceancare.org/de/unsere-arbeit/meeresschutz
  • https://www.welt.de/dieweltbewegen/sonderveroeffentlichungen/article118988228/Das-schmutzigste-Gewerbe-der-Welt-bleibt-auf-Kurs.html
  • https://www.forschungsinformationssystem.de/servlet/is/334495/
  • https://idw-online.de/de/news390199
  • https://www.derwesten.de/wirtschaft/china-auf-deutschen-tellern-id7183223.html

Hannah

Die Autorin

„Hi! Ich bin Hannah: 

Chaotin, Mama, Ehefrau, Selbstständige und überaus neugierig. Ich gehe seit einigen Jahren meinen Weg zum Zero Waste und möchte euch von meinen Erfahrungen erzählen.“

Autorin bei FREIRAUMREH

„Freundin, Herzensschwaegerin, Mama meiner wundervollen Nichten, Familie, Liebster Gluecksfall!“ Kim

Wusstest du, dass Hannah einen Etsy-Shop hat? Dort findest du passende Produkte zu Ihren Blogbeiträgen.

Schau mal - Das hier ist vielleicht auch etwas für dich