Copenhagen Fashion Week 2019 – Fashion-Tech trifft auf die nachhaltige Mode der Zukunft

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Fashion-Tech trifft auf die nachhaltige Mode der Zukunft

Die skandinavischen Länder gelten als Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit und sind darüber hinaus für ihr stilvolles Design bekannt. Auf der Copenhagen Fashion Week gehen Nachwuchstalente der vier bedeutendsten dänischen Designschulen in Kombination mit bekannten Modelabels der Frage nach, wie die Mode der Zukunft aussehen und was ihre Rolle in der Modeproduktion sein soll. Ein Besuch in Kopenhagen.

 

 

Mit neuartigem Geschäftsmodell Klamotten teilen

Kleidung mieten, zurückgeben, reparieren, ändern und wieder vermieten – so funktioniert das Geschäftsmodell „Shared Stories“ von Georgina Norris und Marianne Noer, die dieses System für ein internationales Fashion Label erfunden haben. Für sie stehen dabei die längere Lebensdauer, das Handwerk und sich ändernder persönlicher Ausdruck durch verschiedene Reparationstechniken im Vordergrund. Für Kinderklamotten gibt es diese Idee in Dänemark schon lange. Bei Vigga bekommen Abonnenten Schwangerschafts- und Kinderkleidung regelmäßig neue Teile ins Haus und geben die zu klein gewordenen Grössen wieder ab. Die gehen dann an den nächsten Nutzer weiter. Repariert wird hier allerdings nichts. Die beiden Designerinnen aus der Designschule in Kolding denken da weiter. Sie haben sogar innovative Methoden zum Flicken entwickelt, zum Beispiel das Verfilzen von Löchern in Kontrastfarben mit Hilfe einer Nadel oder „Patchwork“, bei dem aus Produktionsabfällen Löcher oder abgetragene Stellen ersetzt werden. Da wird aus einem Loch oder einer Laufmasche schnell ein modisches Detail.

Neuer Stoff aus alter Jeans

Das Modelabel Gabba, das sich seit über 30 Jahren mit moderichtiger Jeans in allen Lebenslagen beschäftigt, hat sich von Textildesignerin Selma Bækkeskov und Modedesignerin Emma Wedemann inspirieren lassen. Die frisch gebackenen Bachelors in Design haben aus Produktionsresten von Gabba und den aussortierten Denim-Stücken von Charity-Shops neues Material genäht, gehäkelt und gewebt. Daraus sind selbst aus kleinsten Resten ganz neue Teile mit ganz eigenem Ausdruck entstanden. Selma wundert sich: „Die Produktion von Jeans im Used Look ist die aufwändigste. Modische abgenutzte Stellen und Löcher kosten in der Produktion am meisten Zeit und Geld – dabei ist es genau das, was ganz von selber entsteht, wenn wir ein Kleidungsstück lange tragen und nutzen.“ Da das den Konsum von Denim-Kleidungsstücken fördert, sehen die beiden Däninnen in Zukunft einen Trend im Upcycling von Jeans, bei dem man nicht einfach nur alte Stücke neu vernäht, sondern selbst aus kleinsten Fetzen beim Weben, Häkeln oder Spinnen ganz neuen Stoff erschafft.

Mehr Infos zu Gabba’s Mode und Projekten gibt es unter https://www.gabba-denim.com/.

 

Visueller Herzschlag mit Tech-Fashion

Kann Mode in einer immer anonymer werdenden Gesellschaft menschliche Beziehungen knüpfen helfen? Auf diese Frage haben die Designer Jonas Theede und Maria Dyrløv von der Kopenhagener Designakademie KEA mit ihrer Kollektion „Disconnected“ eine Antwort versucht. In Jacken, Hosen und Kapuzen integrierte Lichtdioden blinken im Takt mit dem Herzschlag ihres Trägers. Die Dioden geben damit Aufschluss über den aktuellen Puls ihres Trägers – als modisches Detail und auch als menschliches Zeichen. Denn die Kleidung der Tech-Fashion-Designer verrät den Mitmenschen mehr, als manch einer beim Vorbeieilen in Worte fasst. Außerdem stammen alle textilen Materialien dem sogenannten Deadstock, dem überflüssigen Material des Designers Tobias Birk Nielsen (http://www.tobiasbirknielsen.com/info/). Die Lichtdioden stammen aus dem britischen Technologie-Labor Lightricity (https://lightricity.co.uk/).

 

Kleider aus Milchfasern

Milchgarn? Wie bitte? Auch wenn man nicht gerade von einem veganen Produkt sprechen kann, so nutzen die Designer Charlotte Kristensen, Amalie Ege und Rasmus Dahl Jakobsen von der VIA Designakademie in Kopenhagen ein Abfallprodukt bei der Milchproduktion, nämlich dem polymeren Milchprotein Casein, auf eine clevere Weise: Sie werden zu Textilfasern verarbeitet und können zum Häkeln oder Stricken verwendet werden. Damit schaffen die Nachwuchstalente ganz besondere Kleidung. Das Design der Modestücke hilft beim Ausdruck extra nach: Die Modelle Rain und Sun lassen jeweils das durch, was das Wetter dem Modeträger beschert. Dabei sind Milchfasern kräftig, weich, antibakteriell und können im Kompost zersetzt werden. Damit haben sie das Potenzial, in Zukunft unter den nachhaltigen Fasern einen hohen Stellenwert einzunehmen.

Mit multifunktionellen Designs den Kleiderschrank entlasten

Vielleicht brauchen wir in Zukunft nur noch eine Tasche und sind damit für alle Situationen und Stilfragen gerüstet. Fünf Master-Studierende aus der Designschule in Kolding haben eine Tasche geschaffen, die sich mit verschiedenen Modulen verwandeln lässt. Shopper oder Schultertasche, Extrafach mit Reißverschluss oder Einsatz für den Laptop, gelbe, graue oder rote Elemente – die Tasche lässt sich personalisieren und die einzelnen Elemente beim Hersteller wieder abgeben oder tauschen. Damit ist der Mix & Match Modular Bag Collection ein langes Leben vorausgesagt. So kann es Kleidung und Accessoires weltweit gehen, wenn die innovativen, nachhaltigen Konzepte der jungen Designer Schritt für Schritt von den großen Modehäusern implementiert werden. Modedesign als Beitrag zu einer nachhaltigen Zukunft – eine Utopie zum Greifen nah.

Anja

Gast-Autorin

“Hej! Ich bin Anja..

..und wohne mit meiner kunterbunten Patchwork-Familie in Dänemark, bei den glücklichsten Menschen der Welt. Vielleicht liegt es daran, dass sie es sich ständig gemütlich machen und alles etwas entspannter sehen. Hier schreibe und übersetze ich deutsch und dänisch, versuche mich am eigenen Gemüsegarten und nachhaltiger Mode aus der eigenen Nähmaschine..“

Gast-Autorin bei FREIRAUMREH